... Ohne das Licht der Sonne könnten wir die Welt nicht sehen. Pflanzen würden nicht wachsen, die Jahreszeiten gäbe es nicht, und vieles, was Leben ausmacht, wäre nicht möglich.
Es stellt sich aber auch die Frage:
Wir sehen das Licht der Sonne mit unseren Augen. Aber wodurch nehmen wir das Sehen selbst wahr? Was ist es, das jeden Gedanken, jedes Gefühl, jedes Geräusch und jede Erfahrung überhaupt erst bewusst werden lässt?
Der indische Philosoph und Weise, Abhinavagupta lädt uns ein, den Blick nach innen zu wenden. Er spricht von einem anderen Licht – nicht von einem Licht, das Schatten wirft oder am Abend untergeht, sondern vom Licht des Bewusstseins: Cit. In der Tradition, aus der Abhinavagupta schreibt, trägt dieses Licht einen Namen: Śiva. Nicht als Gottheit ausserhalb von uns, sondern als Bezeichnung für die reine, formlose Bewusstseinsnatur selbst – das, was wir im Kern sind, bevor Gedanken, Gefühle oder Rollen dazukommen.
Dieses Licht ist nicht etwas, das wir besitzen. Es ist die Voraussetzung dafür, dass überhaupt etwas erfahren werden kann. Alles, was wir sehen, hören, denken oder fühlen, erscheint in diesem Licht. Während die Sonne die äussere Welt sichtbar macht, macht Śiva als Licht des Bewusstseins unsere gesamte innere und äussere Erfahrung sichtbar. Dieses Licht braucht kein anderes Licht, das es erhellt. Es ist selbstleuchtend (prakāśa). Da nichts ausserhalb von ihm existiert, ist es ungeteilt, vollständig und frei.
Śiva ist dabei nicht passiv. Er ist lebendig, schöpferisch und sich seiner selbst bewusst. Diese schöpferische Dynamik nennt Abhinavagupta Śakti. Śakti ist keine Kraft neben Śiva – sie ist Śiva selbst in seiner lebendigen Ausdrucksweise.
Im Tantrasāra beschreibt Abhinavagupta fünf Weisen, in denen sich dieses Licht fortwährend ausdrückt. Diese fünf Śaktis sind keine voneinander getrennten Kräfte und auch keine Entwicklungsstufen – sie wirken immer gleichzeitig und beschreiben fünf Aspekte derselben Wirklichkeit.
Die grundlegendste Ausdrucksweise ist Cit.
Cit ist nicht der Vorgang des Wahrnehmens. Es ist das Licht, durch das Wahrnehmung überhaupt möglich wird.
Du hörst Vogelstimmen.
Du riechst den Duft von Kaffee.
Du bemerkst einen Gedanken.
Du spürst deinen Atem.
Alle diese Erfahrungen verändern sich ständig. Das Licht, in dem sie erscheinen, bleibt. Dieses Licht ist immer gegenwärtig – im Wachen, im Träumen und sogar im traumlosen Tiefschlaf.
Im Wachzustand beleuchtet es die Welt der Sinneseindrücke und Gedanken. Im Traum erschafft es seine eigene Erfahrungswelt.
Im Tiefschlaf verschwinden Gedanken, Bilder und das persönliche Ich. Dennoch verschwindet das Licht des Bewusstseins nicht. Es ruht in sich selbst.
Das Bewusstsein braucht keine Gedanken oder Sinneseindrücke, um Bewusstsein zu sein.
Weil das Bewusstsein vollkommen frei und unabhängig ist, erfährt es sich als Ānanda.
Ānanda bedeutet hier nicht in erster Linie Freude oder Glücksgefühl, das durch äussere Umstände entsteht, sondern es bezeichnet die ursprüngliche Vollständigkeit des Bewusstseins.
Manchmal zeigt sie sich als tiefer Friede, manchmal als stille Freude oder einfach als das Empfinden: "Es fehlt gerade nichts."
Vielleicht kennst du solche Augenblicke?
Du sitzt frühmorgens im Garten.
Du gehst durch den Wald.
Während einer Meditation fällt jede Anstrengung weg.
Nicht weil die Welt vollkommen wäre, sondern weil der innere Widerstand für einen Moment aufgegeben wurde.
Aus dieser Freiheit entfaltet sich Icchā, der schöpferische Impuls. Gemeint ist nicht persönlicher Ehrgeiz oder Disziplin. Es ist das Bewusstsein selbst, das sich ausdrücken möchte.
Im Alltag erleben wir diese Kraft als Inspiration:
Plötzlich entsteht die Idee für eine Reise.
Du bemerkst den Wunsch, jemandem eine Freude zu bereiten.
Plötzlich weißt du, dass jetzt der richtige Moment ist, etwas auszusprechen.
Du verspürst den Wunsch, jemanden anzurufen.
Wir erleben diesen Impuls als unseren eigenen Willen. Aus der Sicht Abhinavaguptas ist der persönliche Wille jedoch Ausdruck einer tieferen Bewegung des Bewusstseins.
Bewusstsein nimmt nicht nur wahr, es erkennt auch sich selbst. Diese Kraft nennt Abhinavagupta Jñāna.
Gemeint ist nicht angesammeltes Wissen, sondern unmittelbare Einsicht.
Vielleicht erkennst du plötzlich, warum dich eine bestimmte Situation immer wieder beschäftigt.
Oder während der Meditation wird klar, dass Gedanken zwar erscheinen, aber nicht dein eigentliches Wesen ausmachen.
In solchen Augenblicken wird nichts Neues geschaffen. Etwas, das immer schon da war, wird sichtbar.
Deshalb beschreibt Abhinavagupta Verwirklichung nicht als das Erwerben von etwas Neuem, sondern als Wiedererkennen.
Die fünfte Ausdrucksweise ist Kriyā, die Kraft des Handelns.
Sie ist die Fähigkeit des Bewusstseins, Form anzunehmen und sich in der Welt auszudrücken.
Ein Baum wächst.
Du schreibst jemandem eine aufmunternde Nachricht.
Du spielst ein Musikstück oder kochst ein Essen.
Du atmest bewusst tief ein.
Ein Kind lernt laufen.
Planeten ziehen ihre Bahnen.
Alles, was geschieht, ist Ausdruck dieser schöpferischen Dynamik.
Kriyā ist nicht nur menschliches Handeln. Sie umfasst die gesamte Bewegung des Universums.
Die fünf Ausdrucksweisen bilden keine zeitliche Reihenfolge.
Wo Bewusstsein ist, ist auch seine Freiheit.
Wo Freiheit ist, kann sich schöpferischer Impuls entfalten.
Wo etwas erscheint, wird es vom Licht des Bewusstseins erhellt.
Wo das Bewusstsein sich selbst erkennt, entsteht Einsicht.
Und überall dort, wo es sich ausdrückt, erscheint Handlung.
Sie sind wie verschiedene Facetten eines Diamanten. Je nachdem, aus welcher Richtung wir schauen, erkennen wir einen anderen Aspekt – doch der Diamant bleibt derselbe.
Abhinavagupta
Philosoph und Meister der kaschmirischen Śaiva-Tradition (ca. 950–1020).
Cit
Das Licht des Bewusstseins selbst – die Grundlage, in der jede Erfahrung erscheint.
Prakāśa
Selbstleuchtend. Das Bewusstsein braucht kein anderes Licht, um sich zu erhellen.
Śiva
Die reine, formlose Bewusstseinsnatur – das, was du im Kern bist, bevor Gedanken, Gefühle oder Rollen dazukommen. Mit Śakti untrennbar verbunden: Śiva ist das Licht, Śakti seine lebendige
Ausdrucksweise.
Śakti
Die schöpferische Dynamik des Bewusstseins. Keine Kraft daneben, sondern seine lebendige Ausdrucksweise.
Cit-śakti
Das Bewusstsein als reines, gegenwärtiges Licht – unabhängig davon, was gerade erscheint.
Ānanda-śakti
Die Freiheit und Fülle des Bewusstseins. Nicht Freude durch äussere Umstände, sondern ursprüngliche Vollständigkeit.
Icchā-śakti
Der schöpferische Impuls – die Bewegung, aus der Wille und Inspiration entstehen.
Jñāna-śakti
Das Wiedererkennen. Unmittelbare Einsicht statt angesammeltes Wissen.
Kriyā-śakti
Die Kraft des Handelns – die Fähigkeit, Form anzunehmen und sich auszudrücken.
Tantrasāra
Schrift Abhinavaguptas, in der die fünf Śaktis beschrieben werden.
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